18. Der 29. Dezember 2016 in Butembo, welch ein Tag

// 19. Dezember 2017 // Allgemein

Am 29. Dezember 2016 lief die Amtszeit des Präsidenten ab, aber er machte einfach weiter.

Kisekedi wa Mulamba1 und die anderen Oppositionspolitiker wurden gedrängt, Sabotageakte zu begehen oder Unruhen zu veranlassen, wenn an diesem Tag der Präsident Kabila sich weigern würde, seinen Sessel zu verlassen. Ein Bekannter erzählte mir, wie damals der Kampf in Njiapanda ablief.

Njiapanda ist ein Kreisverkehr mit einem großen Platz, südlich von Butembo. Hier trifft die Straße von Butembo, Musienene und Katwa zusammen.

Kabosyo: Man sagte, dass an diesem Tag die Armee die Stadt Butembo zerstören würde. So sind auch Soldaten in großer Zahl gekommen und andere werden noch noch kommen. Wollen sie wirklich dieses makabre Projekt durchführen?

Sabwe: Es ist die Zeit, das Wasser aus der Kalebasse zu trinken2. Das ist für alle kostenlos. Selbst wenn ihr nicht gewillt seid, zu widerstehen, solltet ihr euch zumindest gegen die Kugeln der Putschisten wehren. Er, Kabila, hat ent­schieden, die Macht an sich zu reißen und Präsident zu bleiben, über seinen verfassungsmäßigen Zeitraum hinweg.

Kabosyo: Ich gehe in mein Lager in Musitu. Das ist weit weg von der Stadt. Mein Sohn sagt, dass er bereits von dem Wasser getrunken hat. Es scheint, dass die Jungen diesen Tag ungeduldig erwarten. Ganz besonders die, die bereits von dem Wasser getrunken haben. Sie sind nicht mehr von Kugeln verletzbar.

Kangele: Dieser Tag ist ein Montag. Die Leute blieben alle auf ihrem Grundstück, aus Angst, in Gefahr zu kommen. Gegen 10 Uhr am Morgen hat mich mein Großvater losgeschickt um meiner Tante Songali Brot zukaufen, denn sie war seit zwei Tagen krank. Seit dem Vortag hatte sie sich geweigert Maniokbrei zu essen. Wir hofften, dass sie zu Kräften käme, wenn sie etwas gutes Brot essen könnte.

Fata: Um 10 Uhr? Man hat uns erzählt, dass bereits früh am Morgen die Feindseligkeiten begonnen hätten.

Kangele: Ja, Im Büro der MONUSCO3 (Mission des Nations Unis pour la Sécurisation du Congo) hörte man bereits um 5 Uhr früh Schüsse. Deshalb blieb ja jeder zuhause. Aber hier in Njiapanda, war es gegen 11 Uhr, als die Gewehre gesungen hatten.

Fata: Erzähl mir doch bitte, was passiert ist.

Kangele: Als ich mich der Bäckerei von Frau Masika näherte, sah ich sie rasch herauskommen und die Riegel vor die Tür legen. Ich lief schnell zu ihrem Laden. Ich bat sie dringend, noch einmal auf zu machen, gerade lange genug, um mir ein Stück Brot für unsere Kranke zu verkaufen.

Die Verkäuferin: Unmöglich, dir jetzt zu helfen. Der Krieg wird bald beginnen, denn die Maimai sind in einiger Entfernung von hier angekommen. Sie kommen hier zum Platz des Kreisverkehrs, um ein rotes Huhn zu opfern.

Kangele: Woher weißt du das?

Die Verkäuferin: Ich habe mein Telefon ständig am Ohr. Siehst du das nicht? Die jungen Kadetten informieren mich jede Minute vom der Entwicklung der Situation. Die Maimai sind bereits am Busbahnhof, nur 200 Meter vom Platz entfernt, Richtung Musienene im Süden. Die FARDC sind in der großen Kurve von Kikungu, ca 300 Meter nach Norden in Richtung Stadt. Du musst mich also entschuldigen, während des Krieges sind Plünderungen unvermeidlich. Ich kann meine Waren also nicht ausstellen. Wenn du weiter drängst, bist du vielleicht der Erste, der ein Brot stiehlt.

Kangele schaut zur großen Straße:

Woher kommen diese Leute? He, wohin geht ihr jungen Leute? Ich gehe mit, um zu sehen, was passiert.

Kangele geht ebenfalls zur großen Straße. Er sah eine Gruppe von Maimai, die teilweise mit Stöcken, teilweise mit Lanzen oder auch Lanzen mit Steinspitzen bewaffnet waren. Andere trugen Bajonette. Ein Kadogo4 trug eine Schale mit dem magischen Wasser5. Das war der, den man Doktor der Truppe nannte.

Wachposten der MONUSCO

Leise näherte sich die Truppe dem Platz. Einige junge Leute unter den Zuschauern, die mutig genug waren fragten einige Maimai, die sie wahrscheinlich kannten.

Katiri: Geht ihr an die Front bei BelAir, um euren Kollegen gegen die Armee von Kabila und seinen Anhängern, den Blauhelmen, zu helfen? Glaubt ihr, dass ihr die verjagen und die Stadt erobern könnt?

Maimai Mbangi: Unsere Aufgabe ist es, diesen Platz zu sichern. Wir werden niemanden angreifen, wenn uns der Teufel nicht versucht.

Was wollt ihr denn machen, um die FARDC6 auf Distanz zu halten? Man hört, dass die Truppen dort durch zwei Panzerwagen verstärkt worden sind. Sie stehen in Kikungu, um euch zu pulverisieren, wenn ihr dort auftaucht.

Maimai: Wir sind nur gekommen um ein Opfer zu bringen. Selbst in BelAir, wo die Blauhelme in der Nähe des Rathauses stationiert sind, sind es die Polizisten des Rathauses, die die Feindseligkeiten eröffnet haben. Wir können nur uns wehren und nicht angreifen. Nach der Opferzeremonie werden wir zurückkehren.

Kangele fährt fort mit der Erzählung: Am Platz angekommen nahm ein Kadogo ein rotes Huhn von einem Muzée7 (Kommandant) Er legte es auf den Boden und hielt es mit dem rechten Fuß fest. Dann zog er den Kopf mit der linken Hand von der Brust weg. Mit einer schnellen Bewegung schnitt ein anderer Muzée den Kopf des Huhn mit seinem Bajonett ab. Das Huhn wurde dann sofort losgelassen.

Es lief mit heftigen Zuckungen nach hier und dort. Sein Blut floss. Es machte eine Kurve und kam schließlich wieder bei den Opfernden an. Es fiel zu Boden und starb zu Füßen des ersten Muzée.

Dann fingen die Maimai an, den Kirikongo zu tanzen im Rhythmus einer Trommel.

Maimai in Butembo

Da ertönte plötzlich die erste Salve durch die FARDC. Glücklicherweise waren die Schüsse in die Luft gerichtet, aber in Richtung des Platzes von Njiapanda, wo wir zahlreich um die Maimai herum standen. Innerhalb weniger Sekunden leerte sich der Platz. Die Leute verschwanden in alle Richtungen, außer natürlich in die von Kikungu, woher die Salve kam. Die FARDC griff an.

Wir fanden uns in großer Zahl wieder im Tal unterhalb des Platzes von Njiapanda ein. Ich folgte meinem Weg entlang des Tales, um zu vermeiden, von Kugeln getroffen zu werden. Schließlich stieg ich den Hügel Mutanga im Süden hinauf, gegenüber dem Hügel Masuli. Das ist ungefähr 1 km entfernt, wobei wir selbst nur 200 m vom Platz entfernt leben. Ich bin gelaufen, ohne mich einmal auszuruhen und ich weiß nicht, wie viel Mal ich dabei gefallen bin.

Fata: Ist das Haus nicht vom Platz aus gut sichtbar, besonders die Tür der Mauer? Wie bist du denn später auf das Grundstück gekommen?

Kangele: Gott weiß wie. Aber wenn du es genau wissen willst: Ich bin über die hintere Mauer, obwohl sie sehr hoch ist. Als ich ins Innere kam stieß ich auf eine ganze Menge Frauen, die sich zu uns geflüchtet hatten und ihre leeren Kanister an der Wasserstelle zurück ließen, die sich vor unserer Parzelle befindet. Ich befand mich also in der Mitte von vielen Frauen, die mich umringten.

Fata: Warum waren sie denn gerade dort so viele? Du hast doch niemanden etwas angetan, hoffe ich. Bist du sicher, dass du nicht absichtlich dort aufgekommen bist?

Kangele: Nein, Gott sei dank, ich bin kein Kitambavakali, kein Schürzenjäger, wie du. Sie hatten nur Zuflucht dort gesucht, hinter dem Haus. Ich hatte keine Wahl, wo ich über die Mauer springen konnte. Die Kugeln flogen noch immer durch die Luft. Also statt mich wegzuschieben, haben sich mich ohne Scheu zwischen sich aufge­nommen. Oh, welche erdrückende Hitze!

Fata: Du bist also dort geblieben? Mit Vergnügen nehme ich an.

Kangele: Nein, gleich nach zwei Minuten erhielt ich einen Anruf meiner Tante aus Kinshasa. Sie hatte gehört, dass in Richtung unseres Hauses geschossen wurde. Sie bat mich, ihren großen Bruder an den Apparat zu holen. Also löste ich mich aus der Gruppe und ging in das Haus in das Zimmer meines Großvaters.

Fata: War er denn da?

Kangele: Ja, er hatte sich auf den Boden gelegt, um nicht aus Versehen eine verirrte Kugel abzubekommen. Großvater nahm schnell das Telefon. Tante Masika wollte seine Stimme hören. Du kannst dir vorstellen, dass sie sich vergewissern wollte, ob es uns allen gut geht. Doch Großvater weigerte sich, sich zu bewegen.

Ich bin dann hinausgegangen, um mich in mein eigenes Bett zu legen. Die Schüsse nahmen an Intensität zu. Man konnte meinen, dass die Soldaten dabei waren, die Mauer in Stücke zu schießen, denn die Schüsse waren nicht weit von uns entfernt. Sie erklangen vom Platz aus. Ich bin dann auch vom Bett runter auf den Boden gegangen. Ich hatte den Eindruck, dass nicht viel fehlte, bis ich meinen Mageninhalt hinaus spucken würde.

Fata: Wie lange warst du denn auf dem Boden?

Kangele: Ich weiß nicht. Bestimmt zwei volle Stunden lang. Während der ganzen Zeit war es totenstill auf unserer Parzelle.

Fata: Und was war mit deinen kleinen Brüdern? Ich weiß dass dein Bruder Katya bereits den Schluck aus der heiligen Kalebasse getan hat. Musste er auch am Opfer teilnehmen?

Kangele: Meine kleineren Brüder sind nicht auf die Parzelle gekommen. Ich hätte sie suchen müssen, bevor Großvater es bemerkt hätte. Deshalb bin ich dann aufgestanden und leise aus dem Haus gegangen. Es war Krawall auf dem Platz, doch niemand ist auf das Grundstück gekommen.

Das Radio sagte, dass die Soldaten den Angriff zurück geschlagen hätten. Ich bin als erster aus der Parzelle raus. Den ersten, den ich traf war Kasiko, der Taximann. Er er kam eilig vom Platz zurück, um seiner Familie mitzuteilen, dass Lwanzo, sein bester Freund unter den Taximen, gestorben ist.

Taximan in Butembo mit Julienne

Kasiko: Lwanzo war ein langjähriger Maimai, der aktiv an dem Krieg teilgenommen hatte, der damals Marschall Mobutu gestürzt hatte. Als er sah, dass die Maimai mit ihrer Opferzeremonie fortfuhren, ohne jede Sorge, trotz der Kugeln, die um sie herumflogen, dachte er, dass sein Schutz gegen die Kugeln noch immer intakt sei. Er nahm keine Rücksicht auf die Warnung, die die Maimai an alle gerichtet hatten, die nicht bei den Schüssen die Flucht ergriffen hatten.

Kangele: Gibt es Hinweise, mit denen man sicher durch den Kugelhagel gehen kann, ohne zu leiden?

Kasiko: Dummkopf, hast du das nicht verstanden dort am Taxistand, als der Chef der Maimai das erklärte?

Fata: Nein, natürlich nicht. Du weißt doch selbst, dass ich beruflich in Kisangani war.

Kasiko: Oh, Verzeihung. Du warst natürlich nicht da. Der Chef der Maimai hat gesagt, dass jeder, der von diesem Wasser trinkt, nichts zu befürchten hat, aber unter 4 Bedingungen:

  • Er muss von den Ahnen als legitimer Sohn des hier wohnenden Stammes anerkannt sein und er muss das belegen können.

  • Er darf niemals gestohlen haben oder die Güter anderer begehrt haben.

  • Er darf niemals Ehebruch verübt haben oder seine Frau während ihrer Regel besucht haben oder mit einer Frau gegen ihren Willen geschlafen haben. Der Junggeselle muss sich vollständig von sexuellen Beziehungen enthalten.

Wenn man also nicht ‚erisisira‘ ist, dann funktionieren die Kräfte nicht.

Fata: Ich denke, dann sind nicht sehr viele von den Leuten geschützt. Was passiert mit denen, die noch nicht vom magischen Wasser gekostet haben?

Kasiko: Wenn man die Kleidung oder Gürtel einer Person trägt, die initiiert worden ist, oder irgend ein anderes Objekt hält, dann kannst du an der magischen Energie Anteil haben.

Fata: Du glaubst das nicht, nicht wahr? Darum hast du die Flucht ergriffen, statt am Spektakel des Opfers teilzunehmen.

Kasiko: Weißt du, Simon Petrus hatte selbst aus dem Munde des Herrn gehört, dass er auf dem Wasser gehen sollte, aber er hatte keinen Glauben der größer als ein Senfkorn war. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum nur sie, die initiierten Maimai, keine Angst hatten.

Die magischen Kräfte und die Zauberer haben noch immer einen großen Einfluss auf die Menschen. Ich bin Christ und folge Jesus. Deshalb können mir die Zauberer auch nichts anhaben. Wir danken Jesus, dass er zu uns gekommen ist, um uns von diesem Bösen zu befreien.

1 Kisekedi war schon ein Oppositionspolitiker gegen Mobutu. In zähen Verhandlungen zeichnete sich ein friedlicher Übergang ab. Durch die Eroberung des Zaires durch Kabila geriet er ins Hintertreffen.

2 Um ein Maimai zu werden, muss man einige religiöse Zeremonien verrichten. Das Wichtigste dabei ist, Wasser aus der heiligen Kalebasse zu trinken. Dadurch wird man für Kugeln unverletzlich. Er hat von dem Wasser getrunken heißt damit, er ist Maimai geworden.

3 MONUSCO ist die UN Organisation für die Befriedigung des Congo. Sie hat ein sog. robustes Mandat, kann also auch aktiv ein- und angreifen. Das hat im Bereich Goma dafür gesorgt, dass die Maimai aufgegeben haben. Allerdings ist sie von der Finanzsperre durch Präsident Trump betroffen und kann ihre Aufgaben nicht mehr so gut wahrnehmen wie bisher. Sie sind an den Blauhelmen oder blauen Baseballkappen zu erkennen.

4 Kadogo ist ein militärischer Rang bei den Nduma. Es ist entweder ein Kindersoldat oder ein Kadett.

5 Um ein Maimai zu werden, muss man einige religiöse Zeremonien verrichten. Das Wichtigste dabei ist, Wasser aus der heiligen Kalebasse zu trinken. Dadurch wird man für Kugeln unverletzlich. Er hat von dem Wasser getrunken heißt damit, er ist Maimai geworden. Das Wasser wird auch in der Schlacht mitgeführt und schützt gegen Kugeln.

6FARDC ist die nationale Armee des Congo

7Ein Muzée ist ein Offizier bei den Mazembe, bei den Nduma ist das ein Afande. Muzée ist Kinande und heißt Ältester. Afande kommt wohl aus dem Arabischen bzw. Kiswahili und heißt Soldat.

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